Archive für Januar 2009

Stimmt’s?

Seit 1997 analysiert Christoph Drösser von der ZEIT wöchentlich Dinge, die viele zu wissen glauben. Nur: Kriegen Haie wirklich keinen Krebs? Wachsen Haare nach dem Tod wirklich weiter? Kann man die Chinesische Mauer wirklich aus dem All sehen? In seiner Kolumne “Stimmt’s?” geht er diesen Fragen nach. Wer sie nicht kennt (hoffentlich sind das nicht viele):

Stimmt’s?

Darwin und das Evolutionsgesetz

2009 ist nicht nur das Jahr der Wirtschaftskrise, eines neuen amerikanischen Präsidenten oder der Abwrackprämie - es ist auch der 200. Jahrestag der Geburt von Charles Darwin.

Darwins Erkenntnisse waren von epochaler Bedeutung. Wieso?

Darwin hat mit seinem Buch “On the origin of species” ein Erklärungsmodell geliefert, welches die Veränderlichkeit von Spezies über die Zeit erklären kann. Seine Evolutionstheorie ist auch das nach wie vor einzige Erklärungsmodell, das die zunehmende Komplexität von Tieren, Pflanzen und anderen Lebewesen (und Nichtlebewesen wie Viren, die Darwin noch nicht kennen konnte) im Verlaufe der geologischen Zeitalter erklären kann. Kurz gesagt: Darwin hat erklärt, wie die Menschen und die gesamte biologische Vielfalt auf diesem Planeten entstanden sind.

Dieses Erklärungsmodell hat so profunde Auswirkungen auf die Weltanschauung, dass es heute noch von vielen Personen in Zweifel gezogen wird. Kein Wunder, nimmt doch Darwin nicht nur dem Schöpfergott seine Existenzberechtigung - auch dem Menschen wird sein Mittelpunkt in der Schöpfung genommen. Siegmund Freud soll einmal (wenig bescheiden, aber m. E. zu Recht) von den drei wesentlichen Kränkungen der Menschheit gesprochen haben: durch Kopernikus (der der Erde den Mittelpunkt in der unbelebten Natur nahm), Darwin (der dem Menschen den Mittelpunkt in der belebten Natur nahm) und ihm selbst (der dem Bewusstsein den Mittelpunkt im Wesen des Menschen nahm). Darwin hat die Frage nach dem “Woher kommen wir?” der Domäne der Spekulation entrissen und der Wissenschaft zugänglich gemacht.

Versuche, die Evolution mit dem Gedanken an einen Schöpfergott in Einklang zu bringen, schlagen fehl. Die Evolution ist nicht nur in der Lage, Komplexität aus einfachen Bausteinen zu schaffen - es ist vielmehr integraler Bestandteil der Evolution, dass sie dies ungesteuert, zufällig, ziellos tut. Darwins Evolutionsgesetz erklärt eben, wie komplexe Systeme entstehen können, ohne dass ein Schöpfergott vonnöten wäre. Somit ist es also kein Wunder, dass Darwins Erkenntnisse sich auch heute noch bei vielen Menschen nur geringer Beliebtheit erfreuen. (siehe auch Der Spiegel 20.1.2009)

Interessanterweise ist es zumindest in den 1980er Jahren noch möglich gewesen, eine gymnasiale Schulausbildung in Deutschland zu geniessen, ohne dass die Evolution dort ein einziges Mal vorkam - während das Auswendiglernen des Reformationsliedes von Martin Luther mindestens fünfmal Unterrichtsgegenstand war (dieses Lied hat dem Autor in seiner Lebenspraxis nur geringen Nutzen gebracht, die erste Strophe ist aber immer noch präsent. Immerhin.). (das scheint auch heute noch nicht besser zu sein: Der Spiegel 20.2.2009)

Ebenso interessant ist es, dass die Evolution immer noch mit dem Wort “Evolutionstheorie” bezeichnet wird - mit dem Beigeschmack, als handele es sich um ein unbewiesenes, spekulatives Gedankenmodell. Dabei ist das Gegenteil der Fall: wohl keine biologische Kausalbeziehung ist so gut dokumentiert - vor allem durch Fossilien. Nicht nur das: auch die Menschen haben die Gültigkeit der Evolution bzw. der zugrundeliegenden Mechanismen in der Praxis immer wieder unter Beweis gestellt: bei der Züchtung von Haustieren, Nutztieren und -pflanzen und am deutlichsten bei der Verursachung von Antibiotikaresistenzen in Bakterien (vor allem in Krankenhäusern). Trotz der geringen Zeit seit der Entdeckung der ersten Antibiotika (A. Fleming, 1928 (sic!)) hat der daruch erzeugte evolutorische Druck zu wesentlichen Veränderungen der Bakterienpopulationen geführt. (siehe auch Der Spiegel 4.2.2009)

Die Evolution ist jetzt am Werk. Die gute Nachricht ist: egal, wie sehr wir die Welt verändern - der Planet ist nicht in Gefahr. Die Natur ist ebenfalls nicht in Gefahr. Was gefährdet sein könnte, ist die Menschheit. Es bleibt abzuwarten, ob wir die Weisheit entwickeln werden, uns selbst zu retten. Um die Natur brauchen wir uns nicht sorgen. Und dank Darwin wissen wir auch, wieso.

Wie entwickelt sich die Welt wirtschaftlich wirklich?

Werden die armen Länder immer ärmer? Oder reicher?

Die Antwort ist - wie meist im Leben - komplizierter.

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